Beobachten, schützen, lernen: Fachtagung zum 15. Jubiläum des UNESCO-Weltnaturerbes Alte Buchenwälder in Deutschland

Vor 15 Jahren hat die UNESCO deutsche Buchenwälder als Teil eines europäischen Netzwerks als Weltnaturerbe anerkannt. Aus diesem Anlass lud das Bundesumweltministerium im September 2026 zu einer Fachtagung an die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) ein.
Fachtagung UNESCO- Welterbe Alte Buchenwälder Deutschland, Vortag von Prof. Pierre Ibisch, 16.09.2026, Foto: Christoph Nowicki

Alte Buchenwälder sind Archive biologischer Vielfalt. Zugleich lässt sich in ihnen beobachten, wie Wälder sich im Klimawandel ohne menschliches Zutun entwickeln. Vor 15 Jahren wurden fünf deutschen Buchenwaldgebiete – Jasmund auf Rügen, Serrahn in Mecklenburg-Vorpommern, der Grumsin in Brandenburg, der Hainich in Thüringen und der Kellerwald in Hessen – in das UNESCO-Weltnaturerbe »Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas« aufgenommen. Aus diesem Anlass lud das Bundesumweltministerium (BMUKN) am 16. September 2026 zu einer Fachtagung an die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) ein. Im Mittelpunkt standen der Schutz und die wissenschaftliche Beobachtung dieser Wälder. Sie bewahren biologische Vielfalt und bieten zugleich die Möglichkeit, die natürliche Waldentwicklung unter den Bedingungen des Klimawandels zu erforschen.

Prof. Dr. Katharina Messerer hieß die Gäste im Namen der HNEE willkommen. Anschließend wandte sich Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth per Video an die Teilnehmenden. Er beschrieb die Buchenwälder als Wasserspeicher und »natürliche Klimaanlagen«, die widerstandsfähiger seien als viele Wälder in ihrer Nachbarschaft. Sie belegten, »dass Klimaanpassung, Natur- und Klimaschutz im Wald gleichzeitig gelingen können«.

Wachsende Biomasse, spürbare Belastungen

Zwei Keynotes eröffneten den fachlichen Teil. Prof. Dr. Pierre Ibisch (HNEE/ECONICS Institute) präsentierte aktuelle Forschungsergebnisse dazu, wie sich die deutschen UNESCO-Buchenwälder verändern. Barbara Engels vom Bundesamt für Naturschutz zog eine Bilanz der europäischen Welterbestätte und fragte nach ihrer künftigen Entwicklung.

Im Zentrum stand eine vergleichende Studie, die das Ministerium in Auftrag gegeben hatte. Sie analysiert die Monitoringdaten aller fünf Gebiete und fragt, wie widerstandsfähig die Wälder gegenüber dem Klimawandel sind und wie viel Kohlenstoff sie binden. Über einen Zeitraum von 25 Jahren haben überall Biomasse und Kohlenstoffvorräte zugenommen. An heißen Tagen zählen die Gebiete außerdem zu den kühlsten Orten Deutschlands. Extreme Wetterlagen hinterlassen jedoch deutliche Spuren: Zwar haben sich die Wälder bislang immer wieder erholt, zeigten jedoch deutliche Vitalitätseinbußen. Das Ministerium sieht deshalb weiterhin Bedarf an Schutzmaßnahmen.

In der Diskussion im Plenum ging es vor allem darum, Beobachtungen über lange Zeiträume vergleichbar zu machen. Prof. Dr. Andreas Bolte vom Thünen-Institut verwies auf den Wert der Schutzgebiete als Referenzflächen. Erst durch sie lasse sich natürliche Waldentwicklung den verschiedenen Formen der Bewirtschaftung gegenüberstellen. Prof. Pierre Ibisch sprach sich für einheitliche Erhebungsmethoden, eine bessere Koordination und mehr Mittel für das Monitoring aus. Barbara Engels empfahl, sich auf wenige, dafür aussagekräftige Kernindikatoren zu konzentrieren. An ihnen müsse sich ablesen lassen, ob der besondere Wert der Welterbestätte erhalten bleibt und wodurch er gefährdet ist. Ibisch schlug zudem vor, ältere Buchenwälder in größerem Umfang zu schützen und zu prüfen, ob die UNESCO-Flächen samt ihren Pufferzonen erweitert werden können.

Erfahrungen aus Europa

Das Panel am Nachmittag öffnete den Blick über Deutschland hinaus. Vasyl Pokynchereda berichtete aus dem ukrainischen Karpaten-Biosphärenreservat. Jana Baumgartner vertrat das Permanente Sekretariat der europäischen Welterbestätte »Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas «. Ergänzt wurden diese Perspektiven durch Dr. Peter Meyer (Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt), Peter Südbeck (Stiftung Nationale Kulturlandschaften) und Andreas Bolte (Thünen-Institut). Gemeinsam beleuchteten sie die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, die Erfahrungen des Weltnaturerbes Wattenmeer und neue Erkenntnisse zur Zukunft der Buche im Klimawandel.

Danach rückten zwei Fragen in den Vordergrund: wie sich alte Buchenwälder auf natürliche Weise verjüngen und wie Schutzgebiete und ihre Umgebung miteinander auskommen. Der Grumsin diente dabei als Beispiel. Dort hatten unterschätzte Besucherzahlen und eine unzureichende Infrastruktur zunächst Probleme bereitet. Akzeptanz, so der Tenor, setze eine offene Kommunikation und die Einbindung der Menschen vor Ort voraus.

Ein Erbe, das verbindet

Oliver Conz, der im Bundesumweltministerium die Abteilung für Naturschutz, nachhaltige Naturnutzung und natürlichen Klimaschutz leitet, zog das Fazit: Bei der Aufnahme in die Welterbeliste vor 15 Jahren sei es in erster Linie um den Artenschutz gegangen. Heute trete daneben die Bedeutung des internationalen Netzwerks, das Menschen zusammenführe und Austausch ermögliche. Als gemeinsames Erbe der Menschheit stifteten die Buchenwälder Verbundenheit, auch in Zeiten von Krieg und Konflikten. Zugleich betonte Conz die Bedeutung der wissenschaftlichen Begleitung: Die langfristige Beobachtung der Wälder ermögliche es, ihre Entwicklung zu verfolgen und daraus für die Zukunft zu lernen.

Am Folgetag führte eine Exkursion in den Grumsin im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Dort wurden Forschungs- und Monitoringansätze sowie die praktischen Herausforderungen des Waldschutzes vor Ort diskutiert.

Finanziert und organisiert wurde die Tagung vom Bundesumweltministerium. Die fachliche und organisatorische Durchführung beider Tage übernahmen das ECONICS INSTITUTE e. V. und die agrathaer GmbH.

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