Pluriversum – Diskurse für eine gerechte Zukunft

Am 29. Juni lud der Studiengang Sozialökologisches Waldmanagement in Kooperation mit dem ECONICS INSTITUTE zu einem außergewöhnlichen politischen und kulturellen Multimedia-Event auf dem Waldcampus der HNEE ein. Der ecuadorianische Ökonom und Politiker Alberto Acosta gestaltete mit GRUPO SAL und der Journalistin Sandra Weiss einen Abend zu den drängenden Fragen unserer Zeit.
PLURIVERSUM: Die Moderatoren Alberto Acosta und Sandra Weiss mit Gast Patricia Gualinga und der Band Grupo Sal, 29.06.2026, HNEE Eberswalde, Foto: Pierre Ibisch

Am 29. Juni 2026 war die Welt zu Gast in Eberswalde – oder besser: gleich ein ganzes Pluriversum. Unter diesem Titel gestalteten der ecuadorianische Ökonom und Politiker Alberto Acosta, die Journalistin Sandra Weiss und das Musikensemble GRUPO SAL einen Abend zu zentralen Zukunftsfragen unserer Zeit.
Im Mittelpunkt standen die Rechte der Natur, indigene Perspektiven, Stärkung der Zivilgesellschaften und die Frage, wie Brücken zwischen Globalem Süden und Globalem Norden entstehen können. Das Programm verbindet politische Analyse, entwicklungspolitische Impulse, Musik und visuelle Projektionen von Johannes Keitel zu einem eindrücklichen Abend unter dem Leitmotiv: »Was dringend zu tun ist, um die Welt zu verändern und gerechter zu machen.«

Alberto Acosta zählt international zu den prägenden Stimmen einer sozialökologischen Transformation. Als Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung von Ecuador trug er wesentlich dazu bei, dass das Konzept des »Buen Vivir« über Lateinamerika hinaus bekannt wurde und 2008 Eingang in die ecuadorianische Verfassung fand. In Ecuador wirkte Acosta unter anderem als Energie- und Bergbauminister; 2014 kandidierte er für die Partei Pachakutik für das Präsidentenamt. Weltweit bekannt wurde er auch durch die von ihm mitverantwortete Yasuní-ITT-Initiative, die der internationalen Gemeinschaft vorschlug, einen Teil der Erdölvorkommen im ecuadorianischen Yasuní-Biosphärengebiet unangetastet zu lassen, sofern dafür ein finanzieller Ausgleich geschaffen würde.

In seinen Veröffentlichungen setzt sich Acosta seit vielen Jahren mit Alternativen zu wachstums- und ressourcenorientierten Entwicklungsmodellen auseinander. 2015 erschien sein Buch Buen Vivir – Vom Recht auf ein gutes Leben. 2021 verfasste er das Nachwort zu Das Ökohumanistische Manifest. Unsere Zukunft in der Natur von Pierre Ibisch und Jörg Sommer. Darin schreibt Acosta:

»Es gibt keinen anderen Ausweg aus der Falle, in der sich die Menschheit befindet, als ihre Beziehung zur Natur neu zu überdenken. Der Mensch kann nicht – bildlich gesprochen – am Rande der Natur bleiben, geschweige denn mit dem vergeblichen Versuch fortfahren, sie zu beherrschen. Wir müssen ihr wiederbegegnen. Und deshalb müssen wir dringend ihre ungezügelte Ausbeutung stoppen. Unsere Beziehung zu Mutter Erde verlangt Respekt, Verantwortung und Gegenseitigkeit, basierend auf dem Grundprinzip des Lebens: Relationalität, alles ist miteinander verbunden.«

Alberto Acosta: »Die Menschheit ist Natur«
Nachwort zu Das Ökohumanistisches Manifest. Unsere Zukunft in der Natur, 2021

Musikalisch begleitet wird die Veranstaltung vom Sextett GRUPO SAL. Der Projektionskünstler Johannes Keitel setzt die Beiträge in einen visuellen Kontext und verdichtet die Themen des Abends mit großformatigen Projektionen.

Als besonderer Gast war Patricia Gualinga vom Pueblo Kichwa de Sarayaku zugeschaltet. Die international bekannte Indigenenaktivistin ist Mitglied des United Nations Permanent Forum on Indigenous Issues (UNPFII) und Vorreiterin einer stetig wachsenden Bewegung von Frauen, die sich für den Schutz des Amazonas einsetzen. Für ihr Engagement wurde sie unter anderem mit dem Deutsch-Französischen Preis für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit, dem Olof-Palme-Preis sowie dem Hans-Carl-von-Carlowitz-Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.

Die Kichwa-Gemeinschaft Sarayaku lebt tief im ecuadorianischen Amazonasgebiet und kämpft seit Jahrzehnten für ihr angestammtes Land. 1996 vergab der ecuadorianische Staat große Teile ihres Territoriums an das Ölunternehmen CGC, ohne die Gemeinschaft vorab zu informieren oder einzubeziehen. Was folgte, war ein letztlich historischer Rechtsstreit: 2012 verurteilte der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte Ecuador – ein Urteil, das bis heute als Meilenstein für die Rechte indigener Völker in ganz Lateinamerika gilt. Nicht nur aus diesem Widerstand ist eine Vision für die Zukunft des Amazonas entstanden: Kawsak Sacha, »der lebendige Wald«. Die Generalversammlung des Kichwa-Volkes von Sarayaku erklärte das angestammte Territorium zu einem lebendigen, bewussten Wesen und Rechtssubjekt, bewohnt von unzähligen Wesen aus der Tier-, Pflanzen-, Mineral-, geistigen und kosmischen Welt, die mit den Menschen in enger Beziehung stehen. Damit fordert Sarayaku einen grundlegenden Wandel im Umgang mit dem Amazonas, Kawsak Sacha ist weit mehr als ein Naturschutzkonzept: Es ist ein Vorschlag für Leben aus dem Herzen des Amazonas an die Welt.

Die Veranstaltung wurde vom Studiengang Sozialökologisches Waldmanagement der HNEE in Kooperation mit dem ECONICS INSTITUTE e. V. organisiert und von der CHORONA Immobilien GmbH sowie von Globus Naturkost unterstützt – vielen Dank an alle, die diesen Abend ermöglicht haben!

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