Der Wald ist mehr als die Summe seiner Bäume

Anlässlich der UN-Biodiversitätskonferenz (COP16) im kolumbianischen Cali spricht Prof. Pierre Ibisch im Deutschlandfunk mit Britta Fecke darüber, warum es so wichtig ist, den Blick von einzelnen bedrohten Art hin zu den ökosystemare Zusammenhängen zu erweitern.
Totholz mit Epiphyten, Buchenurwald, Rumänien, 2025

Neben der Klimakrise erleben wir eine Biodiversitätskrise – jahrzehntelang haben wir gehofft, dass die Roten Listen bedrohter Arten zu einem Umsteuern führen würden. Doch Prof. Pierre Ibisch verdeutlicht im Gespräch im Deutschlandfunk, dass es nicht ausreiche, sich einzelne Schirmarten als Repräsentant für bestimmte Lebensraumtypen vorzustellen, um ein Verständnis von der Biosphäre, dieses lebenden und auch haushaltenden Systems, zu gewinnen: In den Fokus rücken, sollte die Leistungsfähigkeit der Biosphäre, der Ökosysteme – mit ihren emergenten Eigenschaften, die erst aus den Wechselbeziehungen der Arten untereinander entstehen. »Wir können inzwischen von allen Ökosystemen messen, wie grün sind sie, wie viel Biomasse ist da, wie produktiv. Sind sie vital? Wie viel Wasser wird gespeichert? Was ist ihre Temperatur? Und ich glaube, wir müssten uns angewöhnen, da sehr regelmäßig, nicht alle zwei Jahre zu berichten, wie diese Werte sind. Vielleicht ungefähr so, wie auch über Börsenwerte oder den Geschäftsklimaindex berichtet wird. Wie wäre es dann mit einem Naturgeschäftsklimaindex?«

Der Wald ist mehr als die Summe seiner Bäume: Die Bäume sind die strukturgebenden Elemente eines solchen Ökosystems, zumindest im oberirdischen Bereich. Letztlich wurzeln sie jedoch in einem Boden, der einen ganz entscheidenden Anteil an diesen Systemen hat. Wir wissen heute, dass Organismen wie Mikroben, Bakterien, Viren und Pilze eine weit größere Rolle spielen, als lange angenommen wurde, insbesondere bei der Vermittlung von Wechselwirkungen zwischen anderen Organismen. Hinzu kommen Tiere wie Hornmilben und Nematoden, die auf Roten Listen kaum berücksichtigt werden, denen es aber möglicherweise dennoch schlecht geht. Zudem existieren in solchen Systemen zahlreiche weitere Bestandteile: Organismen und Individuen, die miteinander vernetzt sind, einschließlich ihrer genetischen Informationen. Wichtig ist dabei immer, sich vor Augen zu führen, dass die Funktionsfähigkeit eines Ökosystems erst durch dieses Netzwerk entsteht – durch die Vielfalt an Wechselwirkungen. Diese Vielfalt ist die entscheidende Dimension biologischer Diversität.

Nach oben scrollen