Der ECONICS-Grün-Feucht-Kühl-Index ist der »Geschäftsklimaindex« für Ökosysteme. Im Gegensatz zum bekannten IFO-Geschäftsklimaindex der Wirtschaft basiert er jedoch nicht auf Umfragen, sondern auf realen Messwerten, gestützt vor allem auf hochauflöste Satellitendaten. Der 2025 erstmals vorgestellte Index verdeutlicht die zentrale Dreiecksbeziehung zwischen grüner Vegetation, Feuchtigkeit und relativer Kühle. Er macht für jeden Ort in Deutschland sichtbar, wo die Ökosysteme besonders leistungsfähig sind und wo Prioritäten für den Erhalt oder die Wiederherstellung gesetzt werden sollten. Denn je grüner, feuchter und besser vernetzt eine Landschaft ist, desto wirksamer kann sie Belastungen abpuffern und ihre natürliche Schutzfunktion entfalten.
Alarmierend ist jedoch, dass der bundesweite Trend negativ ist: Im Jahr 2025 liegt der Indexdurchschnitt um 16 % niedriger als 2021. Die Verschlechterung von 2024 nach 2025 betrug 7,2 %. Intensiv genutzte Agrarlandschaften, zerstörte Auen und versiegelte Flächen entwickeln sich zu großflächigen Problemregionen, während große, unzerschnittene, grüne und feuchte Regionen (noch) als Klimarefugien fungieren. Deshalb sollten wertvolle Ökosysteme geschützt und beeinträchtigte Landschaften durch Pronaturierung, angepasste Landnutzung und Entsiegelung gestärkt werden.
»Der sich verschlechternde Zustand in weiten Teilen des Landes ist kein abstraktes Naturschutzproblem, sondern es geht um handfeste Konsequenzen für die menschliche Gesundheit, unsere Versorgung und Sicherheit«, betont Studienleiter Prof. Dr. Pierre Ibisch vom ECONICS INSTITUTE.

Tendenziell verschärft sich die Lage in Gebieten, in denen die Bedingungen bereits kritisch sind. Ein deutlicher Rückgang des Indexwertes ist insbesondere in urbanen Hitzeinseln, auf trockenen landwirtschaftlichen Nutzflächen sowie in Gebieten mit vermehrtem Baumsterben und forstlichen Räumungshieben zu beobachten. Auch in den Kiefernforsten Nordostdeutschlands dominieren negative Trends. Dass Entwicklungen innerhalb der Landnutzungsklassen dynamisch und differenziert ablaufen, zeigt sich gerade in Waldgebieten besonders deutlich. Die größte zusammenhängende Region mit einem positiven Trend liegt im Schwarzwald. In Bayern hingegen ist der Norden durch ein fortlaufendes Absterben von Fichten in Franken und einen entsprechend absinkenden Indextrend geprägt, während das südliche Alpenvorland und der Alpenraum einen positiven Trend zeigen. Auch Erholung von vorhergegangenen Verschlechterungen sind in Waldregionen zu verzeichnen. Ein Beispiel hierfür ist der Harz: Nach den schweren Fichtenkalamitäten im Jahr 2018 setzt dort inzwischen eine großflächige Regeneration des Waldes ein, was sich in einer positiven Trendentwicklung widerspiegelt.
Die neuen Ergebnisse zur Arbeitsfähigkeit der Ökosysteme in Deutschland stehen auch international als Preprint zur Verfügung. Basierend auf der Integration der drei zentralen Datensätzen des ECONICS-Grün-Feucht-Kühl-Index 2021–2025 (mittlerer Indexwert), dem Fünfjahrestrend sowie den »Ökologischen Kernwerten« der grün-feucht-kühlen Gebiete wurde erstmals auch eine Karte der Natürlichen Infrastruktur für Deutschland erstellt. Im Ergebnis werden fünf Prioritätenkategorien für die bundesweite Zonierung der Natürlichen Infrastruktur und die Priorisierung der erforderlichen Maßnahmen vorgeschlagen.
Der Ort für die gemeinsame Vorstellung der neuen Ergebnisse mit dem NABU – der »Eiskeller« im Spandauer Forst, Berlin – ist nicht zufällig gewählt: Die Landschaft im Berliner Nordwesten zeigt, welche Bedeutung naturnahe Grün- und Feuchtgebiete für die Klimaanpassung in Großstädten wie Berlin haben. Er zeige beispielhaft, was Natur leisten kann: »Wo Grünräume, Feuchtigkeit und natürliche Prozesse erhalten sind, entstehen wertvolle Klimapuffer. Auch in Städten brauchen wir Natur nicht als Nice-to-have, sondern als Infrastruktur, die uns vor Hitze und Extremwetter schützt«, erklärt NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger.
Vor diesem Hintergrund ist es von überragender strategischer Priorität, die Veränderungen der Leistungsfähigkeit der Landschaften in Deutschland regelmäßig zu erfassen und zu interpretieren, um politische Entscheidungen auf nationaler und lokaler Ebene zu orientieren.


Es ergeben sich konkrete Empfehlungen:
a. Gezielte und kostengünstige Datenanalyse, Monitoring und Wissenstransfer
Um Maßnahmen effektiv und adaptiv zu steuern, ist die systematische Nutzung von kostengünstigen satellitengestützten Daten unverzichtbar – die daraus gewonnenen Erkenntnisse müssen in die nationalen Berichterstattungen, in Managementpläne sowie in konkrete Klimaschutzprojekte einbezogen werden.
b. Großräumiger ganzheitlicher Planungsansatz auf der Landschaftsebene und landschaftsökologische definierte Schutzgüter
Funktionale Landschaftseinheiten müssen systemisch als Ganzes verstanden, geschützt und erhalten werden, wobei regulierende Ökosystemfunktionen explizit als Schutzgüter anzuerkennen sind.
c. Das deutsche Schutzgebietssystem stärken
Die Schutzgebietskulisse muss auf den Prüfstand, da sie den fachlichen und gesetzlichen Anforderungen nicht genügt – viele Schutzgebiete müssen vergrößert, arrondiert und besser verbunden werden.
d. Großflächige, ausgeräumte Agrarlandschaften strukturieren, diversifizieren und revitalisieren
Landwirtschaftliche Flächen müssen wieder kleinteiliger und strukturreicher werden, unter anderem durch verpflichtende Agroforstsysteme, Hecken und dauerhafte Grünstreifen.
e. Urbane Räume umgestalten
Kommunen müssen von punktueller Begrünung zu einem systemisch-funktionalen Ansatz übergehen und vernetzte Grün-Blaue Infrastrukturen in Flächennutzungsplänen verankern.
f. Intakte Klimarefugien streng schützen und sichern
Noch relativ kühle und feuchte Landschaften – insbesondere Wälder als wichtigste Klimarefugien – müssen streng geschützt werden. Die Holzernte darf die mikroklimatische Funktionalität nicht beeinträchtigen.
g. Fragmentierung minimieren und rückgängig machen, Verbundsituation stärken
Die fortschreitende Fragmentierung funktionaler Landschaften durch neue Graue Infrastruktur muss vermieden und die strategischeVerbindung von Ökosystemen mit höherer Arbeitsfähigkeit sollte im Rahmen von Wiederherstellungsbemühungen angestrebt werden.